Samstag, 7. November 2009

Der eigenartige Nachbar

Gegenüber, auf dem selben Stockwerk lebt Kurt. Er ist ungefähr fünfundsechzig Jahre alt. Das ist ja an sich nichts Besonderes. Was ihn aber etwas auffällig macht, ist die Tatsache, dass geistig mit ihm nicht alles zum Besten bestellt ist. Das ist hauptsächlich an der Art und Weise erkennbar, wie er mit anderen Menschen kommuniziert. Sehr bedächtig und langsam, und oftmals gleitet er mitten im Satz in eine nur für ihn ersichtliche Welt hinüber aus der man ihn mit mehrmaligem Nachfragen wieder zurück holen kann. Auch seine Bewegungen erinnern sehr stark an die eines erst seit Kurzem aufrecht gehenden Urmenschen. Die Knie permanent gebeugt, den Hintern rückwärts heraus gestellt, die Schultern stark nach vorn gebeugt, den Kopf nach unten gerichtet und die Arme seitlich einfach nur gerade hängen lassend schlurft er regelmässig durch die Stadt.
Das ist alles nicht so schlimm, denn er wohnt alleine und versorgt sich selbst.
Mehr oder weniger.

Sonntag Nachmittag klingelt es an unserer Wohnungstüre. Davor steht ebendieser Kurt, in der Hand eine Plastiktüte. Er habe ein technisches Problem, welches er nicht lösen könne. Mit diesen Worten hält er mir den Sack mit einem neu erstandenen Nassrasierer und den dazu gehörenden Ersatzpackungen mit Klingen zum Auswechseln darin vor das Gesicht. Verzweifelt versucht er mir zu erklären, dass irgendetwas damit nicht richtig funktioniert. Nach einem kurzen Blick darauf wird mir auch klar warum. Er hat die Klingen verkehrt herum auf den Griffteil gesteckt. So kann er sich natürlich stundenlang ohne nennenswerten Erfolg den Schaum aus dem Gesicht schaben, wenn die Klingen nach oben, statt wie erforderlich nach unten, zeigen. Ich erkläre ihm, wie das Ganze funktioniert, dass auf dem Griff der Knopf nach vorne geschoben, die Halterungen in die Klingen gesetzt und der Knopf los gelassen werden muss. Und voila, es passt. Wichtig dabei, das blaue Teil muss oben sein, dann schauen die Klingen nach unten.
Nach mehreren Wiederholungen dieser Prozedur erscheint ein Leuchten der Erkenntnis auf Kurt's Gesicht und er dackelt zurück in seine Wohnung.

Fünf Minuten später.
Es klingelt wieder. Meine Frau öffnet und vor ihr steht Kurt. Irgendwie waren meine Erklärungen anscheinend doch nicht ausreichend. Meine Frau spielt das Prozedere mit: Halter greifen, Knopf nach vorn schieben, in die Klingen einfahren, Knopf loslassen, herausziehen und darauf achten, dass der kleine blaue Balken oben ist, nochmals fünf Mal mit ihm durch. Zufrieden grinsend zieht er wieder von dannen.

Zehn Minuten später.
Es klingelt. Überraschenderweise steht Kurt vor der Tür. Er hat keine Frage. Er will uns nur zeigen, dass es funktioniert hat. Sein Gesicht strahlt uns frisch rasiert entgegen. Stolz dreht er sich um und dackelt zurück zu seiner Wohnung und zeigt uns, dass hinter seinen Ohren und Wangenknochen am Hals noch genug Schaum übrig ist, um sich problemlos nochmals rasieren zu können.

Kommentare:

  1. Süss... Und schön das er anscheinend jemandden hat wo er hin gehen kann um sich Rat zu holen ;)

    Liebe Grüsse
    Alexandra

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  2. Ja, ja so ist er, unser geschichtenerzähler.
    Immer hilfsbereit und er vermisst es, wenn niemand Ihn spontan anspricht.

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  3. Ihr seid ja lieb, find ich klasse! :) Aber wie hat Kurt das denn bisher gemacht?!

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  4. Ich würd mir auch die Zeit nehmen dafür... Find ich Klasse, dass ihr das auch gemacht habt! Solch hilfsbereitschaft gibt es ja nun auch nicht mehr überall... :-)

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  5. Niedlicher alter Kurti. Aber die Verwendung von Einmalrasierern wäre ihm trotzdem anzuraten.

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  6. Irgendwie süss^^
    Kenne solched nachbarn gut, zwischendurch eine süsse abwechslung :)

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  7. @ Alexandra: nicht wahr ;-)
    @ der Klingler: falls sie da auf etwas Bestimmtes hinweisen, so in der Art Typ mit Plastiktüte quasselt jemanden halbtot, während sich gewisse andere verkrümeln, schrammen sie haarscharf an Kloppe vorbei, schwör!!!!!
    @ Mary Malloy: wahrscheinlich hatte er bis jetzt nen elektrischen Rasierer ;-)
    @ Mr. Elch: Unsere Nachbarschaft im ganzen Haus ist irgendwie cool drauf. Die von zuoberst können auch fast nie an unserer Türe vorbei, ohne zu klopfen und ein Schwätzchen zu halten ;-)
    @ Rotzlöffel: Dein Wort in Gottes Gehörgang ;-)
    @ callgirlsteffi: Ab und zu schon ;-) Aber mittlerweile habe ich ihm die ganze Sache noch drei Mal erklären dürfen.....

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  8. Sowas gibt es? Ich denke, die beiden waren nur sehr intensiv in eine Diskussion über die aktuelle angespannte Weltpolitik vertieft. Sonst wären sie sicher zur Hilfe geeilt.

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  9. Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass der geschichtenerzähler mir nicht glaubt?

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